Eriks Blog

Meine Gedanken zu diesem und jenem …

Bericht von der “Demo”

Stell Dir vor es ist Demo und keiner geht hin

Gestern abend, als die Nachricht kam, die Koalition habe sich geeinigt und das Zensurgesetz werde noch diese Woche durchgepeitscht, habe ich aus spontaner Wut zur Demo aufgerufen. Im Internet gab es keine Reaktionen. Das hat mir schon zu denken gegeben. Trotzdem machte ich mich auf den Weg. Schließlich hat das vor 20 Jahren auch immer geklappt und ganz ohne Netz. Einfach ein paar Leute anrufen, die rufen dann wieder andere an usw. und schon gab es eine nette kleine, manchmal sogar eine große Demo. Schaun wir mal. Also stand ich um 10.30 Uhr auf dem Gerhart Hauptmann Platz und wartete.

Viel hatte ich nicht erwartet. Vielleicht 100 Leute. Oder auch nur 50. Bei mehr hätte ich mich gefreut und ab 500 einen Luftsprung gemacht. Aber es kam nur einer und den habe ich nicht über twitter, blogs oder ähnliches motiviert, sondern über persönliche Ansprache. Warum? Wie kann es sein, dass am Wochende vorher jemand 5.000 Leute über das Netz zu einer Strandparty bewegt und ich mit einem so wichtigen Thema nicht einen hinter seinem Schreibtisch hervorlocken kann? Was habe ich falsch gemacht? Diese Frage stellte ich mir natürlich sofort und laut. “Was Du nicht mitgekriegt hast: Der ganze Protest läuft ausschließlich übers Netz.” war die Antwort meines einzigen Mitdemonstranten. Ist das so? Wenn das so ist, dann ist es falsch.

Tagtäglich sitzen wir vor unseren Computern und arbeiten damit. Wir lesen Emails, surfen, bloggen, twittern … Wir bewegen uns durch das Netz wie ein Fisch im Wasser. Wir informieren uns nicht mehr mittels Zeitungen, Radio oder Fernsehen, sondern lesen blogs und online zines. Wir sehen die Welt kritisch und sind immer auf dem Laufenden. Schön und gut. Aber was bewirken wir damit? Wen erreichen wir damit?

Das Internet, die Foren, Blogs, Facebook, twitter usw. usf. sind Medien, die das allgemeine Recht auf freie Meinungsäußerung in Wort, Schrift und Bild endlich mit Leben füllen. Vor dem Internet war dieses Recht für die breite Masse ein rein theoretisches. Wer kein Geld hatte, einen Verlag, einen Radio- oder Fernsehsender zu gründen, der hatte zwar auch das Recht, konnte es aber nicht wirklich ausüben. Außer am Stammtisch oder vielleicht in Form eines Leserbriefes hatte der normale Bürger kaum Möglichkeiten. Das ändert das Internet. Endlich kann wirklich jeder, der möchte, seine Meinung zu allem und jedem äußern ohne großen finanziellen Aufwand, ja sogar umsonst.

Aber wie alles in der Welt hat das auch seinen Nachteil. Wird diese Meinung denn auch bemerkt? Gehe ich in der Mönckebergstraße einkaufen, kann ich eine Demo oder einen Infostand kaum ignorieren. Zumindest sehe ich, dass da jemand ist, der ein Anliegen hat. Wenn ich Zeit und Lust habe, gehe ich hin, nehme ein Flugblatt, lese es. Die Information kommt zu mir.

Gehe ich im Internet einkaufen, so bemerke ich den Protest, der vielleicht sogar auf demselben Server gehostet ist, nicht. Keiner stößt mich mit der Nase auf die Probleme der Zeit. Ich kann in aller Ruhe das tun, was ich tun möchte, ohne mich weiter um die politische Seite des Netzes zu kümmern. Und das ist das, was die Mehrheit mit dem Internet tut. Sie gehen shoppen, tauschen Urlaubsfotos, schreiben über ihr Hobby, tratschen und klatschen via twitter. Über die Probleme der Zeit “informieren” sie sich immer noch im Wesentlichen über das Fernsehen und die Zeitung, sofern sie es überhaupt tun.

130.000 virtuelle Unterschriften sind eine ganze Menge. Ein wirklich beeindruckendes Ergebnis. Aber wer hat es bemerkt? Wo taucht diese Zahl außerhalb des Netzes auf? Vielleicht noch am Ende eines Artikels im Spiegel, der Financial Times oder dem Handelsblatt. Aber wer liest das schon? Gelesen wird die BILD. Und in der steht, wir seien alle perverse Freaks, die den ganzen Tag am Computer hocken (was vielleicht sogar stimmt) und Killerspiele und Kinderpornos konsumieren (was mit Sicherheit nicht stimmt). Das ist das Bild, das die Menschen, die nicht internetaffin sind, von uns haben. Dieses Bild müssen wir ändern. Aber wie machen wir das?

Sicher nicht dadurch, dass wir in unserem Klüngel bleiben. So lange wir nur vor den Bildschirmen sitzen und gegenseitig unsere natürlich guten und ausgefeilten Artikel lesen, so lange wir nur uns gegenseitig verlinken, so lange wir nur zwitschern, so lange werden wir auch nur uns selbst erreichen. Aber uns selbst brauchen wir nicht mehr zu überzeugen. Wir diskutieren das Thema “Zensur im Internet” nicht mehr kontrovers. Wir sind uns einig. Wir sind dagegen. Wollen wir aber etwas erreichen, dann müssen wir auch diejenigen überzeugen, die unsere Foren und Blogs nicht lesen. Und um sie zu überzeugen, müssen wir sie erreichen. Wir müssen unsere Computer verlassen und im realen Leben agieren.

Veranstaltungen der SPD oder CDU zu sprengen, Transparente dort aufzuhängen und dazwischen zu rufen, macht viel Spaß und ist eine gute alte Form des Protestes. Aber leider auch eine Form, die kaum etwas bewirkt. Auf solchen Veranstaltungen finden sich in der Regel entschiedene Befürworter einerseits und entschiedene Gegner andererseits. Kaum jemand, der geistig so flexibel ist, dass er sich in so einem Moment und von dieser Form des Protestes überzeugen ließe. Man macht das erstmal für sich selbst wegen des Spaßfaktors und vielleicht noch für die Presse, die meist abwertend über die Aktion berichtet. Man bekommt etwas Aufmerksamkeit aber meist keine neuen Anhänger.

Was bleibt also? Die Straße. Dort sind die Menschen, die wir überzeugen müssen, dass das Internet eine der größten, nein die größte Chance der Menschheit für wirkliche Demokratie ist. Dort sind die Menschen, die wir überzeugen müssen, dass die Sperrung von Kinderpornos lediglich der geschickte Einstieg in die allgemeine Zensur ist, die diese Möglichkeit zur Demokratie wieder zunichte macht. Dort sind die Menschen, denen wir begreiflich machen müssen, dass es nicht um die Überwachung perverser Sexualstraftäter geht, sondern um die Macht über die öffentliche Meinung. Auf der Straße finden wir diese Menschen. Deshalb müssen wir auch auf die Straße gehen.

Nochmal zurück in die 80er. Wäre damals der Versuch unternommen worden, ein solches Gesetz zu beschließen, dann hätte die Republik gekocht. An allen Ecken wären die Menschen aufgestanden und hätten ihrer Wut Luft gemacht. Das ist auch der Grund dafür, dass vieles, was wir heute erleben, damals nicht stattgefunden hat, obwohl es die Begehrlichkeiten sicherlich auch gab. Es wäre aber nicht durchsetzbar gewesen. Offenbar haben die Mächtigen diese Angst vor dem massiven Protest nicht mehr. Sie meinen, sie können sich heute alles erlauben. Zeigen wir ihnen, dass sie damit Unrecht haben.

Liebe Grüße

Erik

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