Eriks Blog

Meine Gedanken zu diesem und jenem …

Ulf ist tot

Gestern bekam ich eine Email. Mein lieber Freund Ulf sei tot. Die Nachbarinnen haben ihn letzten Samstag gefunden. Lange hätten sie ihn nicht mehr gesehen. Sie hatten einen Schlüssel. Also haben sie nachgesehen und ihn tot in seiner Wohnung gefunden. Es wurde mir gesagt, er habe dort schon ein paar Tage gelegen.

Ulf war ein guter Mensch. Als ich damals bei der Hamburger Volkshochschule anfing, war er es, der mich an die Hand nahm und mir alles zeigte und erklärte. Ich hospitierte bei ihm, weil ich einen Teil der Webdesign-Kurse, die es damals gab, übernehmen sollte. Er bot mir ohne Not an, mit mir das Honorar zu teilen. Ich war ganz überrascht und lehnte ab. Er bestand beinahe darauf. Er empfand es als ungerecht, dass er alles und ich nichts bekommen sollte, obwohl ich doch auch mitarbeite. So war Ulf.

Wir wurden schnell gute Freunde. Wir arbeiteten gut und gerne zusammen. Wir teilten unsere Erfahrungen und Materialien. Bald kamen wir uns auch privat sehr nahe. Wir erzählten uns von unseren Freuden und Leiden. Ulf war der einzige Freund, der damals der Scheidung von meiner ersten Frau und der Heirat mit einer Kubanerin skeptisch gegenüber stand. Er war der einzige, der mir abriet und mich zur Vorsicht ermahnte riskierend, dass ich, der ich damals über beide Ohren verliebt war, ihm die Freundschaft kündige. So etwas macht nur ein wahrer Freund. So war Ulf.

In all den Jahren hat Ulf mich immer begleitet. Er stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite. Dabei hatte er das große Talent, den Finger immer auf die Wunde zu legen. Doch das tat bei ihm nie weh. Denn er fand auch immer die richtigen Worte und hatte fast immer die richtigen Ratschläge parat. Er hat mich beruhigt, wenn ich zu unruhig war. Er hat mich wachgerüttelt, wenn drohte, dass ich etwas verschlafe. So war Ulf. Ulf war ein guter Mensch.

Wann Ulf genau gestorben ist? Man konnte es mir nicht sagen. Woran Ulf gestorben ist? Auch das konnte man mir nicht sagen. Aber das braucht man mir nicht zu sagen. Ich weiß woran Ulf gestorben ist. Ulf ist an der Wirtschaftskrise, an Hartz IV, am Alkohol und an Einsamkeit gestorben. Er ist daran gestorben, dass es in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr für ihn gab. Er ist daran gestorben, dass diese Gesellschaft glaubte, ihn nicht mehr zu brauchen.

Ulf hatte keinen guten Start ins Leben. Vom Vater zu einem Beruf gezwungen, den er nicht wollte, fing er früh an zu trinken. Aber er kämpfte auch. Er brachte es auf dem zweiten Bildungsweg zu akademischen Weihen. Mit stolzem Understatement und nicht mit Scham sagte er immer: “Ich habe nur einen Hauptschulabschluss.” Er hat etwas aus sich gemacht. Und er hörte auch auf zu trinken. Dann ging er als Entwicklungshelfer nach Afrika. Als er zurückkam, trank er wieder.

Der Freund, der mir das berichtete – ich kannte Ulf damals noch nicht – fragte sich in dem Gespräch, warum Ulf wieder angefangen habe. Lieber Freund, ich kann es Dir sagen. Das Leid, das ihn dazu getrieben hat, war viel größer und unausweichlicher als das Leid unter dem Vater. Es war der Schmerz, den Ulf empfand angesichts der Ungerechtigkeit und des Elends allerorten auf dieser Welt. Es war sein Mitleid mit den Armen, den Hungernden, den Frierenden dieser Welt. Ja, Ulf hat getrunken und ist daran wahrscheinlich auch gestorben, denn Ulf war ein guter Mensch.

Solange Ulf genug zu tun hatte, hatte er seine Sucht im Griff. Er trank nicht, wenn er arbeitete. Ich erinnere mich noch gut, dass er es ganz am Anfang unserer Freundschaft ablehnte, nach der Arbeit mit mir ein Bier trinken zu gehen. Er kam zwar mit, trank dann aber irgend einen Saft. Nur wenn er am nächsten Tag frei hatte, trank er mit. Dann aber reichlich. Aber das tue ich auch ab und an mal ganz gerne. Dass er damit ein Problem hatte, wusste ich damals noch nicht. Aber ich hatte auch nie den Eindruck.

Doch das änderte sich, als uns die Wirtschaftskrise 2002 mit voller Wucht traf. Vor den Sommerferien mussten wir noch Kurse ablehnen, weil es zu viel wurde. Nach den Sommerferien hatten wir keine Kurse mehr. Alles fiel aus. Ulf traf es am härtesten, da er kein anderes Standbein hatte. Seine Versuche, als freier Grafiker oder Webdesigner Fuß zu fassen, scheiterten an seiner mangelnden Einsicht, dass Moral und Ethik im Geschäftsleben allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Ulf war ein guter Mensch.

Dann wurde Ulf auch noch chronisch krank. Ich weiß gar nicht mehr ob es kurz vor oder nach dem Zusammenbruch des Bildungssektors war. Er war starker Raucher. Er hatte Raucherbeine. Irgendwann konnte er vor Schmerzen kaum noch laufen. Er musste immer wieder Kurse absagen. So verlor er noch mehr Einnnahmen. Er wurde immer ärmer. Er musste Hartz IV beantragen. Das Elend, unter dem er so litt, hatte ihn eingeholt. Er wurde ein Teil dieses Elends. Die Schulden wurden immer mehr, die Freunde wurden immer weniger. Und die Zeit, die viele, viele Zeit, die nutzlos und einsam verbracht wird. Die viele Zeit zum Nachdenken. Die viele Zeit zum Trinken. Ulf verlor die Kontrolle und mit der Kontrolle die letzten Jobs. Ulf hatte aufgegeben. Ich glaube, er verstand nicht, warum ihm das widerfuhr. Er ertrug es nicht mehr, dass ihn diese Gesellschaft einfach so wegwarf. Denn eins wusste er: Ulf war ein guter Mensch.

Mein lieber Freund Ulf, wir werden Dich nie vergessen. Du bist einer mehr, in dessen Namen wir nicht aufhören werden, für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der Menschen wie Du den Platz bekommen, der ihnen gebührt. Ruhe in Frieden.

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