Eriks Blog

Meine Gedanken zu diesem und jenem …

Das Märchen von der Zinsknechtschaft

Warum das zinsnehmende Kreditwesen notwendig ist

In meinem vorletzten Artikel habe ich nachgewiesen, dass Herr Thiesen rechtspopulistische Wirtschaftstheorien vertritt, die allgemein als falsch gelten dürften. Ich bezog mich auf die Thesen zu dem, was unter dem Begriff “Zinsknechtschaft” bekannt ist. Einige von Euch haben mich gebeten, die Theorie zu widerlegen, da sie doch auf den ersten Blick so einsichtig wäre. Das will ich gerne tun. Dazu ist ein wenig Mathematik notwendig. Ich werde das Ganze sehr stark vereinfacht darstellen. Die Wirtschaftswissenschaftler und auch die Hobbyökonomen unter Euch mögen mir das nicht übel nehmen. Es soll allgemeinverständlich sein und nicht exakt die Realität abbilden. Es geht um das Prinzip. Weiter sei hier vorausgeschickt, dass ich ausschließlich über Unternehmenskredite referiere. Bei Privatkrediten kann es ähnliche Effekte geben. In der Regel hat der Endverbraucher aber am Ende weniger Geld in der Tasche als ohne Kredit.

Zum besseren Verständnis habe ich eine ODS-Tabelle (Open Office) erstellt. Entschuldigt die miserable Formatierung.

These: Der Zins schadet einem Unternehmen

Die erste Behauptung der Theoretiker der Zinsknechtschaft lautet, ein verzinster Kredit schade einem Unternehmen. Das ist falsch. Tatsächlich mindert ein Kredit den Unternehmensgewinn nicht, sondern ist ein Mittel, den Gewinn zu steigern. Wie das?

Nehmen wir an, wir haben ein Unternehmen mit zehn Maschinen im Wert von 10 Mio. Euro. Der Einfachheit halber nehmen wir weiter an, dass sich alle anderen Kosten der Firma gleichmäßig auf diese Maschinen verteilen und mit ihrer Anzahl sich entsprechend verringern oder erhöhen. Am Ende werde ich noch ein paar Worte dazu schreiben, was passiert, wenn dem nicht so ist. Am Anfang vernachlässigen wir also alle anderen Kosten. Logischerweise steigt und fällt der Gewinn auch linear mit der Anzahl der Maschinen. Wir nehmen einen Jahresgewinn vor Steuern von 1 Mio. Euro bei einem Steuersatz von 50% an. Das macht einen Nettogewinn nach Steuern von 500.000 Euro.

Nun geht eine Maschine kaputt. Sie kostet 1 Mio. Euro. Nun haben wir drei Möglichkeiten. Das Unternehmen kauft keine neue Maschine. Das Unternehmen nimmt einen Kredit von 1 Mio. auf, um die Maschine zu ersetzen. Das Unternehmen besitzt 1 Mio. freies Kapital (schön blöd) und kann die Maschine bar bezahlen. Spielen wir alle drei Möglichkeiten durch.

Im ersten Fall verliert das Unternehmen jedes Jahr 10% seines Gewinns. In zehn Jahren macht das Unternehmen also statt 5 Mio. Euro Gewinn nur noch 4,5 Mio. Es fehlen also 500.000 Euro gegenüber der Ausgangssituation mit zehn Maschinen. Eine deutliche Gewinnminderung.

Wie sieht es bei einem Kredit aus? Nehmen wir an, die Bank leiht unserem Unternehmer die 1 Mio. zu einem Zinssatz von 10% p. a. Wir vereinfachen wieder und nehmen an, dass nur eine Rate pro Jahr gezahlt wird. Wir erhalten dann zehn Jahresraten zu 162.745,39 Euro. Das macht eine Gesamtzahlung von 1.627.453,95 Euro. Das klingt erstmal viel. Aber schadet es unserem Unternehmer? Rechnen wir nach. Rechne ich die Gewinne nach Abzug der gezahlten Zinsen und nach Steuer bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen zusammen, komme ich auf einen Gesamtgewinn in der Periode von zehn Jahren von 4.686.273,03 Euro. Das sind immer noch 313.726,97 Euro weniger als vor Aufall der zehnten Maschine. Aber es sind auch ca. 186.000 Euro mehr als bei Nichtkauf der Maschine. Also hat der Kredit gegenüber dem Nichtkauf der Maschine den Unternehmensgewinn erheblich erhöht.

Aber es ist doch immer noch weniger als bei Barzahlung. Wenn der Unternehmer bar zahlt, macht er weiterhin 500.000 Euro Gewinn pro Jahr. Wieso erhöht der Kredit auch in diesem Fall den Unternehmensgewinn? Ganz einfach. Kein Unternehmen ist so dumm und hat 1 Mio. Euro in der Kasse rumliegen. Geld das in der Kasse liegt, ist totes Geld. Es ist kein Kapital, das sich verwertet. Was macht unser Unternehmen also, falls es tatsächlich so viel Geld rumliegen hat? Es investiert entweder in das eigene Unternehmen oder in ein fremdes. Hätte es sich selbst erweitert, wären die 1 Mio. nicht flüssig, sondern im Unternehmen gebunden. Also muss in ein fremdes investiert worden sein. Das Geld liegt also irgendwo und trägt seinerseits wieder Zinsen. Nehme wir mal an, unser Unternehmer hat sein Geld zu 3,5% Zinsen angelegt. Das sollte am Markt bei 10% Kreditzins durchaus möglich sein, wenn man 1 Mio anlegen will und sich ein wenig umschaut. Das Geld liegt sicher nicht auf dem Sparbuch. Rechnen wir also nach.

Bei 3,5% Zinsen und 1 Mio. Startkapital haben wir innerhalb von zehn Jahren ein Gesamtkapital von 1.362.897,35 Euro. Wir haben also einen Zinsgewinn von rund 363.000 Euro. Oh, was ist das? Der Unternehmer nimmt einen Kredit auf und hat dadurch ca. 314.000 Euro weniger Gewinn. Auf der anderen Seite nimmt er 363.000 Euro Zinsen ein. Das macht insgesamt ein Plus von ca. 49.000 Euro.

Aber wie kann das sein? Wie kann ich mir für 10% was leihen und dieselbe Summe für 3,5% verleihen und trotzdem hinterher mehr haben? Das kann nicht sein, oder? Doch, es kann. Der Witz bei der Geschichte ist der: Das geliehene Geld lege ich produktiv an. Es trägt also auch für mich “Zinsen”. Es heißt nur eben nicht “Zinsen”, sondern Gewinn. In unserem Beispiel macht die Maschine vor Steuern einen Gewinn von 100.000 Euro pro Jahr. Im ersten Jahr zahle ich 100.000 Euro Zinsen. Gewinn der Maschine ist im ersten Jahr also 0. Im zweiten Jahr aber zahle ich nur noch knapp 94.000 Euro an Zinsen. Die Maschine macht also immerhin gut 6.000 Euro Gewinn vor und 3.000 Euro nach Steuern. Und jedes Jahr sieht die Sache besser aus, weil der Zinsanteil immer weiter sinkt. Auf der anderen Seite – und das führt uns zum nächsten Thema – steht der Zinseszins. Aber, bevor wir zum nächsten Thema kommen, noch eine Anmerkungen.

Das Beispiel ist stark vereinfacht. Im wahren Leben spielen noch eine Menge weiterer Faktoren eine erhebliche Rolle. Diese Faktoren verschieben allerdings lediglich den break even point, in unserem Fall den Abstand zwischen den Zinssätzen, der notwendig ist, dass der Unternehmer mehr Gewinn mit Kredit als ohne macht. Die meisten dieser Faktoren ändern die Verhältnisse aber zu Gunsten des Unternehmers. Ein Beispiel sei hier genannt. In unserem Zahlenspiel bin ich davon ausgegangen, dass die Kosten des Unternehmens direkt von der Anzahl der Maschinen abhängen. Das tun sie aber nicht. Beim Ausfall einer Maschine verringert sich ja nicht die Miete für die Fabrik auch um 10%. Ebenso wollen die Buchhaltung und die Unternehmensleitung weiter das gleiche Gehalt. Ein Großteil der Kosten bleibt gleich, so dass der Gewinnverlust durch den Ausfall noch höher ist als angenommen. Nun aber zur zweiten zentralen These der Zinsknechtschaftstheoretiker.

These: Der Zinseszins verstärkt die Ausbeutung der Unternehmen durch die Banken

Diese These zeugt von grundlegender Unwissenheit darüber, wie ein Kredit funktioniert. Bei Krediten kommt der Zinseszins regelmäßig nicht vor. Wie setzt sich die Rate eines Kredites zusammen: Ein Teil sind Zinsen und der andere Teil ist Tilgung. Dabei ist der Anteil der Zinsen immer so hoch, dass alle Zinsen der vergangenen Periode beglichen werden. In unserem Beispiel ist die Rate 162.745,39 Euro hoch. Bei der ersten Zahlung nach einem Jahr sind 100.000 Euro Zinsen angefallen. Das ist der Zinsanteil der Rate. Rund 63.000 Euro werden also lediglich von der Grundschuld getilgt. Macht eine Restschuld von rund 937.000 Euro. Diese werden nächstes Jahr wieder zu 10% verzinst. Macht einen Zins von rund 93.700 Euro, der wieder der Zinsanteil der nächsten Rate ist. Somit werden mit der nächsten Rate rund 69.000 Euro getilgt. Das dauert so lange, bis die gesamte Grundschuld getilgt wurde.

Zinsen werden bei normaler Abzahlung bei einem Kredit nicht noch einmal verzinst. Ein Zinseszins entsteht nicht. Es ist sogar so, dass man mit Banken in Notzeiten relativ einfach über die Aussetzung der Tilgung sprechen kann. Die Zinsen müssen aber in der Regel weiter beglichen werden. Zinseszins entsteht ausschließlich an anderer Stelle.

Der Zinseszins entsteht bei bestimmten Geldanlagen z. B. fest verzinslichen Anlagen mit langer Laufzeit. Ein solches Papier hat unser Unternehmer ja gezeichnet, um seine 1 Mio. zu 3,5% anzulegen. Am Ende hat er 1,363 Mio. Hätte er die Zinsen am Ende des Jahres immer ausgezahlt bekommen, hätte er insgesamt 350.000 Euro an Zinsen erzielt. Die 13.000 Euro sind der Zinseszins. Wir stellen also fest, der Zinseszins belastet nicht die Unternehmen, sondern begünstigt die Anleger. Er ist also nicht etwas, das die Banken von ihren Kunden bekommen, sondern etwas, das sie an ihre Kunden zahlen müssen. Das erklärt übrigens auch, warum der Zins für verliehenes Geld bei den Banken so viel höher sein muss wie der für dort angelegtes Geld. Bekäme der Unternehmer nämlich 5,5% für sein angelegtes Kapital, wäre sein Zinsgewinn wegen des anfallenden Zinseszins höher als seine Zinszahlung bei 10%.

Das Beispiel geht selbstverständlich davon aus, dass alles regelmäßig verläuft. Alle Rahmenbedingungen bleiben über den gesamten Zeitraum gleich. So lange das aber so ist, funktioniert dieses System, wie jeder leicht nachrechnen kann. Warum nun das System doch periodisch zusammenbricht und welche Rolle dabei das Kreditwesen spielt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es ging hier um die Widerlegung der These, dass Zins und Zinseszins notwendig zur Krise führen, weil sie die Unternehmen langsam ausbluten. Das ist ökonomisch schlichter Unsinn. Solange ein Unternehmen seine Kredite zurückbezahlen kann, verliert es durch diese nicht, sondern es gewinnt. Oder, wie es einer, bei dem ich BWL lernen durfte, ausgedrückt hat: “Wer keine Schulden hat, hat unser Wirtschaftssystem nicht verstanden.”

Eine wahre Ursache für den Zusammenbruch des Finanzsystems

Die Behauptung, dass die Geldwirtschaft unvermeidlich zu ökonomischen Krisen führt, weil es ihn ihr Zinsen gibt, habe ich widerlegt. Also bleibt die Frage, wo denn nun das Problem liegt. Die Antwort: Das Problem ist nicht, dass die Unternehmen Geld verlieren, weil sie Zinsen zahlen müssen. Das Problem ist, dass die Banken und Anleger Geld verlieren, weil sie ihr Geld verliehen haben. Das Problem tritt dann auf, wenn ein Kredit nicht mehr zurückbezahlt werden kann.

Nehmen wir einfach mal an, unser Unternehmen, das sich gerade eben 1 Mio. Euro für die Maschine geliehen hat, geht pleite. Es wird liquidiert. Laut Kreditvertrag erhält die Bank die Maschine, da diese als Sicherheit eingetragen ist. Also versteigert sie die Maschine, um den Verlust auszugleichen. Sie erhält aber nicht 1 Mio, sondern nur die Hälfte. Sie macht bei dem Geschäft einen Verlust von 500.000 Euro. Geschieht dies massenhaft, dann geht die Bank pleite. Aber nicht nur die Bank alleine, sondern mit ihr auch die, die ihrerseits ihr Geld bei dieser Bank angelegt haben. Sind das ihrerseits wieder Unternehmen, dann geraten auch sie ins Schlingern, da ihnen plötzlich die Kapitalreserver entzogen wird oder schlimmer noch, das angelegte Geld für zukünftige Investitionen vorgesehen war. Oder es sind gar Gelder betroffen, die man nur kurzfristig auf der Bank geparkt hat, um damit in zwei Monaten eine hohe Rechnung bezahlen zu können. Passiert das in großem Maße, setzt ein Dominoeffekt ein, der auch durchaus gesunde Unternehmen und Banken mit in die Tiefe reißen kann.

Die Vergabe eines Kredits ist die Spekulation auf zukünftige Gewinne. Werden diese in hinreichendem Maße erzielt, so gewinnen beide Seiten. Bleiben sie aus, so verlieren ebenso beide Seiten. Der Kreditnehmer verliert in der Regel mehr. Aber das ist ja auch gerecht. Schließlich hat er den Laden in den Sand gesetzt. Bei großflächigen Zahlungsausfällen verlieren allerdings alle. Das sei noch einmal kurz am jüngsten Beispiel erklärt: Eine der Ursachen für die jüngste Krise ist die massenhafte Vergabe an faulen Immobilienkrediten in den USA. Menschen, bei denen teilweise schon von vornherein klar war, dass sie nicht leistungsfähig genug waren, die Kredite auch zu bedienen, wurden solche gewährt, um Häuser zu bauen. Dann blieben die Zahlungen massenhaft aus. Zwei Banken gingen pleite.

Nun mussten diese beiden Banken – auch das ist an der hier kritisierten Theorie falsch, dass Banken unendlich Geld aus dem Nichts erschaffen könnten – sich das Geld für diese Kredite ihrerseits irgendwo leihen. Das ist ja auch Aufgabe der Banken in unserem System, Kapital zu sammeln, um es anderweitig auszuleihen. Nach der Pleite dieser Banken verloren aber auch ihre Kunden ihr Geld. Zum Teil waren diese Kunden selbst Banken, die dadurch in die Krise hineingezogen wurden. Die Dominosteine fielen einer nach dem anderen. Die Krise war perfekt. Allerdings aus ganz anderen Gründen als es sich unsere Zinsknechte herbeifantasieren.

Liebe Grüße

Erik

Copyright © 2012 by: Eriks Blog • Template by: BlogPimp • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.