Eriks Blog

Meine Gedanken zu diesem und jenem …

Somewhere over the rainbow

Wovon träumen wir eigentlich?

Gerade konnte ich über eine viertel Stunde lang von meinem Schreibtisch aus einen vollständigen Regenbogen erblicken. Eine Legende sagt, das jenseits eines solchen Regenbogens ein phantastisches Land liegt. So gerate ich ins träumen und frage mich: Was will ich eigentlich? Wenn ich die Welt regieren könnte, wie würde ich sie einrichten? In letzter Zeit hast Du viel zu viel darüber nachgedacht und darüber geschrieben, was Du nicht willst. Und auch viel zu viel darüber gelesen, was Du zusammen mit anderen nicht willst. Du willst keine Zensur. Du willst keine Vorratsdatenspeicherung. Du willst keine Zwangsabgabe auf das Internet für die Verlage usw. usf.

Das ist auch die Krux an dieser ganzen Debatte. Darum verlieren wir sie auch immer wieder. Wir sind immer dagegen. Die andere Seite ist auch immer dagegen. Aber die sind gegen ganz konkrete Dinge. Kinderporno ist bei weitem nicht so abstrakt wie Zensur. Terrorismus ist bei weitem nicht so abstrakt wie Datenschutz. Gefährliche und widerliche Killerspiele ist bei weitem nicht so abstrakt wie Meinungsfreiheit. Wogegen diejenigen sind, die gerne die Kontrolle über das Netz hätten, ist irgendwie jeder, wenn er nicht gerade Pädophil, Terrorist oder Gamer ist. (Liebe Gamer, bitte nicht aufregen. Ich will Euch in keinster Weise mit den erstgenannten auf eine Stufe stellen. Das tun die anderen.) Ich schweife ab. Was viel wichtiger ist, wofür bin ich eigentlich. Die Debatte, die im Moment geführt wird, kann nur gewonnen werden, wenn ich auch einmal formuliere, wovon ich träume.

Irgendwo auf meinen Streifzügen durchs Netz habe ich folgenden Gedankengang gelesen. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo.1 Die Piratenpartei fordert, dass alle Literatur, Musik und alles, was sonst noch in Datenform vorliegen kann, frei kopierbar zur Verfügung gestellt werden solle. Das wäre ein Unding. Warum solle denn nur geistiges Eigentum frei zur Verfügung stehen? Dann müsse man ja auch fordern, dass alle Güter frei zur Verfügung stünden. Das geht ja nun wirklich nicht.

Wirklich nicht? Der Autor führt den Gedanken weiter. Er selbst fände als Fan von Star Trek diesen Gedanken ja durchaus sympathisch. Aber es ginge nicht, weil unsere Gesellschaft dafür noch nicht bereit sei. Wirklich nicht? Außerdem, so der Autor weiter, werde niemand mehr etwas von Qualität produzieren, wenn er nicht davon ökonomisch profitiere. Alle, daran erinnere ich mich genau, Erfindungen wären auf Grund ökonomischen Profits getätigt worden. Ist das wirklich so?

Während so der Regenbogen über Finkenwerder stand, fing ich an darüber nachzudenken, ob dem wirklich so ist. Fangen wir mit dem letzten Argument an. Alle Erfindungen? Keine gute Kunst ohne Profit? Wie wurde wohl das Rad erfunden? Weil der Erfinder sich davon Profit versprach? Oder wollte er sich einfach nur das Leben leichter machen? Naja, auch eine Art von Profit. Aber warum fangen kleine Kinder einfach an zu singen? Weil sie sich davon einen Profit versprechen? Oder vielleicht doch nur deshalb, weil sie Menschen sind und einfach gerne musizieren? Was ist mit Mozart? Seine besten Stücke hat er geschrieben, als kaum noch einer dafür zahlen wollte. Verscharrt wurde er dann in einem Wiener Armengrab. Warum hat er denn weiter geschrieben? Aus Profitstreben oder doch weil er einfach genial war?

Wenn ich es mir recht überlege und die Geschichte, die ich lange und ausführlich studiert habe, Revue passieren lassen, stelle ich fest, dass Leistung, vor allem innovative oder künstlerische Leistung zum Zweck des Profits ein recht moderner Gedanke ist. In früheren Zeiten haben die Dichter gedichtet, die Musiker musiziert und die Erfinder erfunden, weil sie dazu Talent hatten und es gerne taten. Dass sich das immer in Heller und Pfennig umsetzen lassen muss, ist ein Gedanke, der einem van Gogh sicherlich fremd war. Und wie viele Maler gibt es noch, die arm gestorben sind und deren Bilder heute als unbezahlbare Schätze in unseren Museen hängen? Wiviele Musiker, deren Klänge wir heute schätzen, konnten von ihrer Musik nie wirklich leben? Wieviele Erfinder im Laufe der Geschichte der Menschheit, die wir nicht einmal mit Namen kennen?

Nein, wenn es wirklich so wäre, dass ohne Profit der Mensch aufhörte, produktiv tätig zu sein, wäre die Menschheit niemals so weit gekommen. Wir malen, tanzen, singen aber erfinden auch, einfach weil es unsere Art ist. Wir können gar nicht anders. Das ist es ja gerade, was uns von den Tieren im Wesen unterscheidet. Wir können Schönes schaffen und wir können Dinge erfinden, die uns das Leben erleichtern. Wer einmal ein kleines Kind beobachtet hat, wie es aus Legos eine neue Welt baut, weiß, dass ich recht habe.

Und so wünsche ich mir meine Traumwelt. Eine Welt, in der die Menschen nicht tätig sind, weil sie es müssen, sondern tätig sind, weil sie es gerne tun. Ein Welt, in der die Menschen sich keine Sorgen machen müssen, ob sie morgen noch etwas zu tun haben. Eine Welt, in der die Menschen arbeiten, weil sie Menschen sind. Aber wovon sollen wir dann leben? Wenn keiner mehr bezahlt, wovon kaufen wir dann ein? Wie soll das funktionieren? Indem wir es technisch anders lösen. Geld ist nur eine Technik, mit Hilfe derer wir unsere Wirtschaft steuern können (mehr oder weniger). Finden wir eine bessere Technik, kann diese die alte ablösen.

Also kommen wir zu dem zweiten Argument, unsere Gesellschaft sei technologisch noch nicht bereit dazu. Der Autor des Artikels meinte ja, im Science Fiction gäbe es das ja schon, aber da könne man Nahrungsmittel auch einfach so replizieren. Dann gäbe es keine Notwendigkeit mehr für eine Geldwirtschaft. Solange eine Gesellschaft aber technologisch nicht bereit ist, dann wäre Geld notwendig. Sind wir wirklich technologisch noch nicht bereit für einen Wandel unserer Wirtschaft? Leben wir nicht in einer Zeit, in der tagtäglich neue Maschinen erfunden werden, die uns das Leben erleichtern, die unmenschliche Arbeit abschaffen, die Überfluss produzieren? Ist es nicht ein wenig absurd, dass wir viel mehr Güter zum Wohle aller produzieren könnten, es aber nicht tun, weil sie dann zu billig werden würden? Man stelle sich nur einmal vor, alle zur Zeit Arbeitslosen, dazu noch alle, die im Geldwesen beschäftigt sind, die Bankangestellten, die Versicherungsangestellten, die Steuerbeamten und noch viele andere mehr wären produktiv tätig. Welchen Überfluss könnten wir produzieren? Wenn aber alles im Überfluss vorhanden ist, gibt es keinen Grund mehr, diesen Überfluss nicht auch ohne Geld zu verteilen.

Aber die Verteilung? Schließlich gab es so einen Versuch schon und der ist an der Verteilung gescheitert. Nun, zum einen ist die Frage, woran dieser Versuch gescheitert ist, noch lange nicht abschließend beantwortet. Das werden die Historiker zukünftiger Generationen entscheiden. Aber die Frage war ja eine ganz andere. Wäre es technisch möglich? Hinsichtlich dieser Frage hat sich gegenüber dem letzten Versuch einiges geändert. Unsere Warenflüsse werden schon lange nicht mehr über den Geldrückfluss geregelt. Das dauerte viel zu lange. Heute werden die Warenströme im Bereich des Endverbrauchers über EAN-Nummern gesteuert. Wir kennen sie alle die schwarzen Balken, die auf nahezu allen Produkten aufgedruckt sind. Wir kaufen ein und unser Produkt wird registriert. Allerdings wird nicht nur sein Preis registriert, sondern auch um welches Produkt es sich genau handelt und wo es verkauft wurde. Diese Information wird direkt dem Zulieferer mitgeteilt, der sie sammelt und an seinen Großhändler weiterleitet. Vielleicht noch ein oder zwei logistische Stufen weiter und wir landen beim Produzenten. Heute erfährt die Molkerei quasi in Echtzeit, wo ein Liter Milch verkauft wurde. Das Geld dafür bekommt sie je nach Konditionen vielleicht erst vier Wochen später. Ja, es gibt sogar schon Kühlschränke, die über dieses System an einen Händler angebunden selbständig bestellen. Nie wieder fehlt Milch im Kühlschrank und Papa muss zur Tankstelle laufen. Ist es also wahr, dass unsere Warenströme über den Geldrückfluss gesteuert werden? Mir kommen Zweifel.

Ja, so träume ich mir die Welt. Eine Welt, in der die Menschen tätig sind auf freiwilliger Basis und ihre Warenströme mittels Computernetzwerken dorthin leiten, wo sie gebraucht werden. Eine Welt, in der nicht auf einem Teil des Planete Nahrungsmittel vernichtet werden, während auf einem anderen Teil gehungert wird, nur weil es sich nicht lohnt, das Essen dort hinzubringen. Eine Welt, in der gute Erfindungen nicht in der Schublade landen, nur weil sich niemand Profit davon verspricht. Eine Welt, in der der Musiker musiziert, weil es ihm Spaß macht, der Maler malt, weil er inspiriert wurde und der Autor schreibt, weil er etwas mitzuteilen hat, und nicht, weil jemand ihn dafür bezahlt und damit immer auch ein ganz klein wenig korrumpiert.

Aber Moment, wenn wir nicht den Überfluss produzieren, den wir produzieren könnten, weil es sich nicht profitiert, wenn wir nicht die Nahrungsmittel dorthin transportieren, wo sie gebraucht werden, weil es sich nicht profitiert, wenn wir nicht alle guten Erfindungen, die wir machen, auch in die Realität umsetzen, weil es sich nicht profitiert, dann ist die Profitgier überhaupt gar nicht förderlich für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft zum Besseren. Im Gegenteil, die Profitgier hemmt den Fortschritt. Oder träume ich jetzt zu sehr? Ist das vielleicht die andere Seite des Regenbogens? Oder gibt es sie doch nicht? Vielleicht ist es nur ein Traum angesichts eines Regenbogens. Aber eines ist sicher, wenn wir aufhören zu träumen, werden wir uns auch nicht mehr weiterentwickeln.

Und wer räumt dann den Müll weg? Dafür wird die Gesellschaft wie in allen vorangegangenen eine Lösung finden. Wenn es keine Maschinen machen, dann vielleicht so: Alle Männer zwischen 20 und 40 sind verpflichtet, einmal im Jahr das Müllauto zu fahren. Ich hoffe, die Damen legen mir das als Höflichkeit und nicht als Sexismus aus, dass ich sie selbstverständlich vom Mülldienst ausnehme.

Liebe Grüße

Erik

1 Entschuldige, lieber unbekannter Autor. Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Wenn ich den Link bekomme, dann stelle ich ihn sofort hier rein.

2 Reaktionen zu “Somewhere over the rainbow”

  1. Bernhard

    Ein Teil deines Traumes ist mit dem Internet schon Realität geworden. Menschen die aus Spaß oder weil sie sich mitteilen wollen schreiben, Menschen die aus einer guten Laune heraus ein Video produzieren, Menschen die, die von ihnen programmierte Software kostenfrei zum Download bereitstellen, Menschen die in hunderttausenden von Foren mit Hilfestellungen zur Seite stehen usw.

    Ich glaube hierfür lohnt es sich zu kämpfen, ich glaube, dass das Internet ein Vorreiter für eine bessere Gesellschaft sein kann. Das musste ich einfach noch so dazu fügen ;)

  2. Erik

    Hallo Bernhard,

    sag ich doch. ;)

    Ich werde immer wieder gefragt, wie das denn sein könnte, dass man von Open Source leben kann. Warum verzichtet jemand freiwillig auf einen möglichen (höheren) Gewinn? Ich habe mir mittlerweile abgewöhnt zu erklären, wie das System funktioniert, wie man damit durchaus auch Geld verdienen kann (wenn auch nicht so viel wie Gates) und warum das viel sinnvoller ist als Closed Source. Das verstehen Menschen, die nicht programmieren, sowieso nicht. Ich antworte jetzt immer: “Es macht viel mehr Spaß. Es ist einfach viel schöner, mit einer weltweiten Community zusammen zu arbeiten statt gegen eine Konkurrenz. Ich kann viel entspannter arbeiten, wenn ich mir nicht immer Gedanken darüber machen muss, dass es ein anderer besser machen kann und mich aus dem Geschäft kickt. Und jeder gibt einen kleinen Teil und bekommt das Ganze zurück. Dadurch werde ich sehr viel reicher als dadurch, dass ich nur das Meine an jemanden verkaufe und eifersüchtig darüber wache, dass mir das ja niemand wegnimmt. Gut, dieser Reichtum lässt sich nicht in Euro und Cent ausdrücken. Aber ich empfinde ihn als größer als das Vermögen des Herrn in Redmond.”

    Liebe Grüße

    Erik

Copyright © 2012 by: Eriks Blog • Template by: BlogPimp • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.