Was ist geschehen?
Abschied von den Ikonen meiner Jugend
Es war 1979 als ein 14jähriger Schüler eines humanistischen Gymnasiums anfing, sich politisch zu engagieren. Er war gegen Atomkraft und für Umweltschutz, gegen Atomwaffen und für die Abschaffung der Bundeswehr und gegen die Springerpresse und für eine neue freiere Medienlandschaft, in der alle die Möglichkeit haben sollten, sich auszudrücken. Er war ein junger Mensch, der sich in humanistischer Bildung übte. Also fing er auch an das zu lesen, was nicht auf dem Stundenplan stand, vor dem die Lehrer sogar warnten. So fing er an, seinen politischen Verstand zu schärfen. Er wurde ein Mensch, der die Freiheit liebt, der kritisch gegenüber Staat und Presse ist. Und er wurde ein kämpferischer Mensch, der auf Demos ging und auch sonst vehement für seine Meinung und die Rechte der Entrechteten auf dieser Welt eintrat.
Einige Jahre später machte dieser junge Mensch Abitur. Gegen den Rat seiner Lehrer entschied er sich für die Geisteswissenschaften. Er zog in die Welt und suchte sich andere, bessere Lehrer. Er las die großen kritischen Philosophen und Literaten seiner Zeit. Er diskutierte über und, wenn er das Glück hatte, ihnen persönlich zu begegnen, auch mit ihnen. Es war eine bewegte Zeit. Es war eine wilde Zeit. Es war eine sehr schöne Zeit.
Jene großen Lehrer, die er damals hatte, brachten ihm den aufrechten Gang bei. Sie brachten ihm bei, für seine Rechte, seine Meinung, seine Freiheit einzustehen und zu kämpfen. Und sie brachten ihm auch bei, dass man den großen Medienkonzernen, die sie damals noch nicht so nannten, nicht trauen darf. “Enteignet Springer!” war eine Parole, die aus den 68ern stammend immer noch ihre Gültigkeit hatte. Nieder mit den Wahrheitsverdrehern und Hirnverheerern. Die taz wurde gegründet aber auch viele kleine Blättchen, die heute kaum noch einer kennt, um den großen Preesemogulen etwas entgegenzusetzen. Womit sie ihr Geld verdienen, spielte keine Rolle. Sie hatten etwas zu sagen und sie wollten gehört werden.
Sie bauten an einer neuen Gesellschaft. Sie wollten eine Gesellschaft, in der die großen Presseorgane, allen voran die BILD, keine Macht mehr über die Köpfe der Menschen haben. Sie wollten die Menschen aufklären und zu kritischen, kämpferischen Demokraten machen. Gegen allen Widerstand standen sie auf und wurden nicht müde, diese Presse zu kritisieren. Unterschriften wurden gesammelt, Prozesse geführt. Springer war der Inbegriff des schlechten Journalismus. Und immer standen die großen Lehrer an der Seite der Studenten. Die großen kritischen Philosophen und Literaten jener Zeit verschafften ihnen überhaupt erst Gehör.
Nun sind dreißig Jahre vergangen. Aus jenem 14jährigen Gymnasiasten ist ein 44jähriger Vater zweier Kinder geworden. Die wilden Jahre sind vorbei. Er ist ruhiger und besonnener geworden. Aber er blickt mit einigem Stolz auf diese Zeit zurück, hat seine Generation doch vieles erreicht. Viele Dinge, die damals gefordert wurden, sind heute selbstverständlich geworden. Er blickt mit Stolz auf seinen Sohn, der sich am Bildungsstreik beteiligt. Er sieht, wie sich viele seiner damaligen Hoffnungen erfüllt haben oder auf dem Weg der Erfüllung sind. Aber er sieht auch, dass es wieder Kräfte gibt, die diesen Prozess aufhalten wollen.
Er arbeitet im Internet. Er bloggt. Er schreibt gegen die Erleichterung der Zensur und gegen die Medienkonzerne, die die Macht über das Netz an sich reißen wollen. Er kämpft weiter für Meinungs- und Informationsfreiheit. Aber er sieht auch, dass das Netz die technischen Möglichkeiten geschaffen hat, dass zu realisieren, wovon er damals geträumt hat: ein Medium, das allen die Möglichkeit gibt, sich wirkmächtig am demokratischen Meinungsbildungsprozess zu beteiligen. Und seine damaligen Lehrer?
Allen voran Herr Habermas und Herr Enzensberger setzen sich für die Manifestierung des status quo ein. Sie stehen nicht, wie er erwartet hätte, auf der Seite der Blogger, sondern verbünden sich mit dem ehemaligen Erzfeind. Vergessen scheinen all die Hasstiraden, die über sie ausgeschüttet wurden. Vergessen scheinen all die Träume von einer gerechteren, demokratischeren Gesellschaft. Zusammen mit Konzernen, die jährlich Milliardenumsätze machen jammert man, das Internet zerstöre die Basis der freien Publizisten. Und er liest das und fasst es nicht. Fast alle Namen derer, die er damals glühend verehrt hat, tauchen auf.
Lieber Herr Habermas, lieber Herr Enzensberger und auch all die anderen, die mir damals den richtigen Weg gewiesen haben, die mir geholfen haben, der zu werden, der ich heute bin, ich bin entsetzt. Mit ihren Äußerungen, die sie heute in die Diskussion werfen, verraten sie alles, was Sie mir einmal beigebracht haben. Glauben Sie mir, mir kommen die Tränen, während ich diese Zeilen schreibe. Heute stehen Sie auf der falschen Seite der Barrikade und ich begreife nicht, warum.
Liebe Grüße
Erik