Das Gejammer der Verleger
Das Ende eines Geschäftsmodells?
Wie heise.de meldet, fordert Herr Burda, Eigentümer des gleichnamigen Medienkonzerns, vom Staat Gesetze, die sein Geschäftsmodell vor dem Untergang schützen. Er möchte gerne am Gewinn der Suchmaschinen beteiligt werden und gleichzeitig die Freiheit dieser Firmen bei der Zusammenstellung der Suchergebnisse einschränken. Als Grund für diese Forderungen wiederholt Herr Burda das alte Lied vom “Qualitätsjournalismus”, der nur von den Verlagen geleistet werden können. Dieser “Qualitätsjournalismus” sei gefährdet durch die bösen Suchmaschinen, die einfach so die Werbeeinnahmen aus seinen Taschen in andere umleiten. Ja er steigert sich so in seine Argumentation hinein, dass er von schleichender Enteignung spricht.
Das Märchen vom “Qualitätsjournalismus”
Ich will mich jetzt nicht damit aufhalten, dass zum Hause Burda eine ganze Menge Produkte wie die Bunte, Freizeitrevue, Superillu und andere Boulevardblätter gehören. Ich gehe davon aus, dass auch Herr Burda diese Blätter nicht meinen kann, wenn er von “Qualitätsjournalismus” spricht. Auch will ich nicht lange darüber schreiben, welchen Anteil dieser gelbe Journalismus am Gewinn des Hauses Burda hat. Darum geht es nicht. Beschränken wir uns also auf das, was allgemein als seriöser Journalismus anerkannt wird.
Wie schon anderer Stelle von mir bemerkt wurde, gibt es auch beim seriösen Journalismus zwischen dem Ehrenkodex und der Realität eine erhebliche Diskrepanz. Objektivität, Wahrheitstreue, gute Recherche sind die hehren Ziele des seriösen Journalismus. Dagegen stellt Frau Miriam Meckel in ihrem Artikel In der Grotte der Erinnerung, auf den sich Herr Burda laut heise.de explizit bezieht, die Veröffentlichungen im Internet, die angeblich nur Gerüchte enthalten oder das Wiederkauen, was in klassischen, journalistisch hochwertigen Medien stünde. Sie schreibt:
“Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert.”
Und im weiteren Verlauf des Artikels lesen wir:
“Denken wir das einmal zu Ende: In der Medienzukunft gibt es keinen traditionellen Journalismus mehr. Stattdessen berichten Bürger für Bürger, indem sie ihre Lebenserfahrung und die Beobachtungen ihrer Lebenswelt im Netz veröffentlichen. Und wenn nicht eine Stiftung sich bereit erklärt, für Recherche zu bezahlen, dann beruht diese Bürgerberichterstattung auf nichts anderem als der permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist.”
Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Der Alltag des Zeitungsjournalisten besteht nicht darin, als rasender Reporter durch die Weltgeschichte zu reisen, um zu recherchieren und dann die Leser mit gut erzählten Geschichten zu faszinieren. Der Alltag besteht darin, den Ticker der großen Nachrichtenagenturen zu überwachen, um dann das zu tun, was Frau Meckel den Bloggern vorwirft. Sie reproduzieren. Sie fassen nur das, “was ihnen Nachrichten- und PR-Agenturen ins Haus liefern, in Artikel-Gefäße” wie Stefan Niggemeier in seinem sehr lesenswerten Artikel Was würde uns fehlen ohne Journalismus? schreibt. Anders gesagt, auch und gerade professionelle Journalisten schreiben oftmals nur das ab, was andere schon produziert haben.
Im Übrigen hat die Geschichte die Behauptung, im Netz werde nur reproduziert, schon längst widerlegt. Nicht erst die Ereignisse im Iran zeigen, dass Blogger im Internet immer öfter schneller die neuesten Nachrichten ins Netz stellen und die klassischen Medien sich gezwungen sehen, diese dann am nächsten Tag abzudrucken. Dass Blogger nichts Neues zu erzählen hätten, entspricht schlicht und ergreifend nicht der Wahrheit. Frau Meckel muss sich hier von mir den Vorwurf gefallen lassen, dass sie an dieser Stelle ihrem eigenen Anspruch der Objektivität und der genauen Recherche in keinster Weise gerecht wird.
Auch die Behauptung, auf der einen Seite stünden Amateure, “die eine subjektive, volatile und momentorientierte Berichterstattung praktizieren” und auf der anderen Journalisten, die also objektiv und nachhaltig über die Ereignisse berichteten, ist so nicht haltbar. Frau Meckel sollte als Journalistin den Spruch kennen: “Nichts ist so alt wie die Nachricht von gestern.” Auch der klassische Journalismus ist volatil und momentorientiert. Ich möchte fast sagen, der klassische Zeitungsjournalismus ist eher volatiler als der Blogjournalismus. Während die klassische Zeitung heute dieses und morgen jenes aktuelle Thema aufgreift, finden sich im Netz tausende und abertausende Blogs, die ein Thema nachhaltig verfolgen.
Und die Objektivität? Sind klassische Journalisten wirklich objektiver als Blogger? Nein. Jeder, der über ein Ereignis berichtet, sollte natürlich versuchen, dies möglichst genau und wahrheitsgetreu zu tun. Das gilt für Blogger genauso wie es schon immer für Journalisten galt. Es wird aber niemandem jemals ganz gelingen. Schon die Auswahl dessen, worüber man berichtet, ist ein subjektiver Akt. Dann berichten wir mittels der Sprache. Die Worte, die wir wählen, die Zitate, die wir anfügen, die Metaphern, mit denen wir arbeiten, all das ist höchst subjektiv. Niemand, der schreibt, kann seine eigene Auffassung von den Dingen vollständig ausblenden. Jeder, der schreibt, wird dies immer aus seiner Perspektive tun. Objektiven Journalismus gibt es nicht und hat es nie gegeben. Lediglich der Grad der Subjektivität unterscheidet guten von schlechtem Journalismus.
Bleibt noch ein letzter Vorwurf, den Frau Meckel nicht explizit erhebt, der aber in der Debatte eine genaus große Rolle spielt, der Vorwurf, die Quellen seien nicht verlässlich. Es wird immer wieder behauptet, der klassische Journalismus sei qua seiner genauen Recherche eine gute Informationsquelle, während die Blogs das nicht seien. Nun heißt es allerdings nicht “Blogente”, sondern “Zeitungsente”. Und auch der Begriff des Grubenhundes ist keiner aus der Bloggerszene, sondern ein ganz alter Begriff des klassischen Zeitungsjournalismus. Und genau so, wie die Blogger immer mal wieder auf eine solche Ente reinfallen und voneinander falsche Meldungen abschreiben, passiert das auch den klassischen Journalisten. So wurden z. B. vor Kurzem der Schauspieler Patrick Swayze für tot erklärt oder unser neuer Wirtschaftsminister mit einem neuen Vornamen versehen. Journalisten sind eben auch nur Menschen.
Wer soll das bezahlen?
In einem Punkt gebe ich allerdings Frau Meckel recht. Eine demokratische Gesellschaft braucht einen guten Journalismus. Allerdings: “Die Front verläuft nicht zwischen Profis und Amateuren oder zwischen Print und Online. Sie verläuft zwischen gutem Journalismus und schlechtem Journalismus.” (Niggemeier, a.a.O.) Ebenso gebe ich Frau Meckel darin recht, dass guter Journalismus seinen Preis hat, dass die professionelle Journalisten auch davon leben können müssen. “Der Journalismus muss sein Überleben auch selbst in die Hand nehmen und für sich argumentieren. Er muss seine Kunden überzeugen, dass journalistische Qualität einen sozialen Wert hat, der wiederum eines materiellen Gegenwerts bedarf.” Einverstanden. Aber brauchen wir dafür Verleger? Die professionellen Blogger beweisen, dass es auch ohne geht.
Das ist der eigentliche Kern der Debatte. So wie vor zwanzig Jahren der Beruf des Schriftsetzers auf Grund der technischen Entwicklung ausstarb, so wird langsam aber sicher der klassische Verleger aus der Welt verschwinden. Damals mussten sich die Schriftsetzer von den Verlegern anhören, sie seien halt durch die Entwicklung überflüssig geworden und müssten sich neue Betätigungsfelder suchen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass nun dasselbe mit ihnen geschieht.
Was ich nicht begreifen kann, warum die Journalisten sich in dieser Situation so vehement auf die Seite derer stellen, die nunmehr seit Jahrhunderten die Macht hatten, gute Journalisten daran zu hindern, ihre Arbeit gewissenhaft zu erledigen. Zwar sagt auch hier das hehre Ideal, dass der Verleger sich aus der redaktionellen Gestaltung seiner Zeitungen herauszuhalten hat, aber die Realität sah und sieht anders aus. Warum also begreifen die Journalisten das Netz nicht als Chance, aus “freien” Journalisten, die ihr Mäntelchen nach dem Wind, der aus der Richtung des Verlages weht, richten müssen, wirklich freie Journalisten zu werden? Wie das geht? Die professionellen Blogger machen es vor.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zu Herrn Burda: Er jammert auf sehr hohem Niveau. Sein Verlag konnte 2006 laut Online Marketing Report die Erlöse um insgesamt 5% und im Online-Geschäft gar um über 32% steigern. Und auch 2008 ging es ihm nicht gerade schlecht. Laut DerStandard.at stieg der Konzernumsatz im letzten Jahr um 3,7%.
Liebe Grüße
Erik
Nachtrag: Hier die Rede Herrn Burdas im Original
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netzpolitik.de – Hubert Burda und das Leistungsschutzrecht
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medialdigital.de – Dann boykottiert doch Google
wirres.net – Hubert Burda will lieber nehmen als geben
querbeet-deluxe.com – Das digital gedruckte Wort und seine Auswirkungen
webwriting-magazin.de – Leistungsschutzrecht: Bedingungsloses Grundeinkommen für Verlage
Und noch ein Zitat aus einem sehr lesenswerten Artikel:
“Ich bin gern elitär. Ich finde, jeder sollte elitär sein. Es gibt auf dieser Welt und im Internet nicht zu viel Niveau, sondern zu viel kostenoptimierten Müll …”
aus: faz.net – Herr Burda ist ein kunstsinniger Mann