Twitterst Du schon?
Diese Frage stellte mir vor Kurzem ein Kollege. Nein, ich twittere nicht. Warum um alles in der Welt soll ich ein Medium nutzen, dass mir gerade mal 140 Zeichen zur Verfügung stellt? Nicht einmal die letzten beiden Sätze hätte ich schreiben können. Nein, kein Interesse. “Aber schau doch mal …” Der Kollege öffnet stolz seine Seite und zeigt mir die vielen Nachrichten, die er interessant findet. “Hier zum Beispiel …” Ich bleibe skeptisch. Was ich sehe ist ein Wust von kurzen sprachlich wenig erbaulichen Textchen. Auch der Inhalt ist wie erwartet eher dünn. Sicher, ein paar interessante Links sind dabei. Das war aber auch schon alles. Nun hat mich dieser Kollege für eine Schulung zum “Web 2.0″ angefragt mit der Bemerkung: “Jetzt musst Du Dich wohl über kurz oder lang auch mit social media beschäftigen.” Na dann mal los.
Wie alles begann
Nun, mein lieber Freund, das tue ich schon sehr viel länger. Es war 1989 als ich mein erstes Modem kaufte. Ein damaliges Mitglied meines sozialen Netzwerks – man nannte das noch Bekanntenkreis – machte mich auf etwas aufmerksam, das er “Mailbox” nannte. Das klang interessant. Also habe ich, damals noch armer Student, ein wenig Geld gespart und mir einen kleinen Kasten gekauft, dessen Kabel ich mit Telefonbuchse und Computer verband. Eine Software musste noch installiert werden und dann ging es los. Nein, es ging noch nicht los. Nachts um drei holte sich mein Computer die neuen Nachrichten aus der Mailbox ab und am nächsten Tag konnte ich sie lesen.
Aber das war noch nicht wirklich interessant. Meine erste Mailbox bot zwar eine Menge Software aber nur regionale Benutzer. Warum, so fragte ich mich, soll ich denn den Tag am Computer verbringen, wenn ich denn mit denselben Menschen in meiner geographischen Umgebung direkt kommunizieren kann? In diesem Moment fand ich einen Artikel über “Fido”. Erinnert sich noch jemand? Fido war ein weltweites Mailbox-Netzwerk. Nun wurde es spannend. Kurze Zeit später hatte ich virtuelle Freunde in der ganzen Welt.
IRC – Die Mutter aller Chats
Aber das Fido war schon zu diesem Zeitpunkt ein Auslaufmodell. Das Internet mit seinen bunten Seiten und der Möglichkeit, in Echtzeit zu kommunizieren, entwuchs seinen Kinderschuhen und kam in die Pubertät. AOL dehnte seinen Geschäftsbereich auf Deutschland aus und machte den Zugang einigermaßen erschwinglich. Und auch die Computertechnik schritt voran. Ich kaufte mir einen 386er, ein schnelleres Modem und los gings. Sogar Webspace war im Vertrag mit AOL vorhanden, so dass ich meine ersten Gehversuche mit HTML machen konnte.
Auch unser Node (so nannten wir die Mailboxen des Fido und ihre Betreiber) erkannte die Zeichen der Zeit. Er gründete eines der ersten Internetcafés in Hamburg. Da ich damals nach meinem ersten Gehversuch als Unternehmer wenig Geld hatte, fragte ich nach einem Job in diesem Café. Kurze Zeit später kam ein hagerer Mann zu uns und setzte sich an einen unserer Computer. Am Ende meiner Schicht war er immer noch da. Am nächsten Tag stand er schon vor der Tür, als ich kam, um zu öffnen. Und wieder blieb er bis ans Ende meiner Schicht. Was macht der da? Wofür gibt er pro Woche ca. 1.000,– DM aus?
Wolf, so nannte er sich im Netz (genauer ^wolf^), war damals arbeitslos. Er verbrachte seine Zeit damit zu chatten. Er war IRCop. Eigentlich hatte er eine Standleitung. Damals brauchte die Post aber drei Monate, um eine solche Leitung zu schwenken. Also verbrachte er die Zeit im Internetcafé und chattete mit Menschen aus aller Welt. Irgendwann nach meiner Schicht setzte ich mich zu ihm und schaute mir das an. Am nächsten Tag saß ich am Computer neben ihm und machte mit. Ein Jahr später war ich selbst IRCop und stand in Gefahr wie Wolf, süchtig zu werden. Warum? Ganz einfach. Ich konnte mich mit Menschen aus aller Welt unterhalten, ohne das ich meine Stadt verlassen musste. Ich wusste, was Menschen in den USA, Mexiko, Südafrika, Pakistan, der Türkei und noch vielen anderen Ländern der Welt dachten, fühlten, erlebten. Die Welt wurde zu einem virtuellen Dorf. Das war echtes soziales Netzwerken.
Anfang 2000
Doch auch IRC war vom Tode bedroht und siecht heute vor sich hin. Vor Kurzem machte ich mir den Spaß, mal wieder in mein altes Netzwerk zu schauen. Alle Räume waren leer. Und die Benutzerzahl, die genannt wurde, war mehr als traurig. Ich selbst hörte auf, als ich meine jetzige Frau kennenlernte. Ich hatte einfach keine Zeit und auch kein Interesse mehr, stundenlang am Rechner zu sitzen. Die reale Welt hatte mich voll und ganz wieder. Meine Aktivitäten verlagerten sich auf Foren und Email-Listen.
Dann entdeckte ich den Open Business Club, der heute Xing heißt. Durchaus mit Begeisterung machte ich mich daran. Ich registrierte mich, schrieb mein Profil, schaute mich in den Foren um und stellte fest: Kommerz pur. Soziales Netzwerk? Darunter verstehe ich etwas anderes. Hier ging es nur um das Geschäft. Der Ton war sachlich bis unangenehm. Nichts von dem, was ich am IRC, an Email-Listen und Foren so schätzte, fand hier statt. Es ging nur um das Bilden von Seilschaften. Das machte keine Spaß. Es dauerte nicht lange und ich hörte auf damit. Ich beteiligte mich noch eine Zeit lang an einem Projekt, das sich Social Business Club nannte, musste aber bald feststellen, das soziales Engagement in der heutigen Zeit nicht mehr wirklich modern ist. Gibt es das Projekt eigentlich noch?
Und heute?
Heute sprechen wir vom Web 2.0. Nach Wikipedia sind typische Funktionen:
- Persönliches Profil, mit diversen Sichtbarkeitseinstellungen für Mitglieder der Netzgemeinschaft oder generell der Öffentlichkeit des Netzes
- Kontaktliste oder Adressbuch, samt Funktionen, mit denen die Verweise auf diese anderen Mitglieder der Netzgemeinschaft (etwa Freunde, Bekannte, Kollegen usw.) verwaltet werden können (etwa Datenimport aus E-Mail-Konto oder anderen Portalen)
- Empfang und Versand von Nachrichten an andere Mitglieder (einzeln, an alle usw.)
- Empfang und Versand von Benachrichtigungen über diverse Ereignisse (Profiländerungen, eingestellte Bilder, Videos, Kritiken, Anklopfen usw.)
Quelle: Wikipedia, Soziales Netzwerk (Informatik)
Was soll daran neu sein? Das mache ich seit 1990. Sicher, die Möglichkeiten haben sich geändert. Heute kann ich nicht nur textuelle Nachrichten versenden, sondern auch Bilder, Videos, Sprache, Musik … Aber vom Prinzip her ist das ein alter Hut.
Eins ist allerdings neu: Die Inhalte werden immer flacher und die Sprache immer schlechter. Eine Stilblüte jagt die nächste. Kaum noch ein Satz, der einen Nebensatz enthält. Echte Information und auch echte menschliche Begegnung wird durch die Masse an Banalitäten und inhaltsleeren Phrasen verdeckt. Es wird eben nicht mehr kommuniziert, sondern nur noch getwittert.
Liebe Grüße
Erik
ich würde immer ein bischen vorsichtig sein mit den Bewertungen von Phänomenen und Entwicklungen, an denen ich selbst nicht direkt beteiligt bin.
Natürlich kann man aus der Außensicht bspw. das Twitter-Netzwerk als “schmales miteinander Geschnattere” definieren und somit den Nutzen und die Wirkung kategorisch “erschlagen”. Auf den ersten Blick sieht das auch so aus und die Sinnhaftigkeit erschließt sich Niemandem sofort.
Warum nimmt das Phänomen “Twitter” dann aber so immens zu?
Wieso tummeln sich dort so ziemlich sämtliche handelnden Personen aus den Bereichen Social Media?
Worum findet man dort auf dem schnellsten Wege hochrelevante Informationen und vor allem echte PERSONEN, die in Ihren Blogs sehr ausführliche und sprachlich äußerst ausgefeilte Einträge veröffentlichen?
Bsp.: diegoerelebt.wordpress.com; themenriff.de; etc.
Die eigene Erfahrung zeigt, das zugegebener Maßen momentan nur für einige Themen, z.B.: social media; Bildung 2.0, politische Information und Bildung, microlearning, etc. die schnellste Möglichkeit zur Vernetzung vorgehalten wird, die ich bisher erfahren konnte.
Ich rate, lieber Kollege (-; zum ernsthaften ausprobieren und dann urteilen. Ansonsten vielleicht mal aganz 1.0 mäßig in das Buch schauen: http://mit140zeichen.de/das-twitterbuch-jetzt-auch-als-ebook-283
Beste Grüße
cba_hamburg
Hallo cba,
wusste ich es doch, dass Dich das zu meinem ersten Kommentar provoziert.
Warum ein Phänomen starkt zunimmt, kann viele verschiedene Gründe haben. Das ist noch lange kein Beweis, dass etwas gut, sinnvoll und nützlich ist. Ich erinnere mich noch gut an die Kampagne der Bild “Millionen Leser können nicht irren”. Oh doch, sie können und tun es bis heute.
Ich habe halt echte Probleme, etwas in 140 Zeichen auszudrücken. Deshalb schreibe ich auch selten SMS.
Aber Du hast in gewisser Weise recht. Probieren geht über lamentieren. Jetzt wirst Du von mir verfolgt. Das hast Du jetzt davon.
Liebe Grüße
Erik
ich freue mich und habe Dich auch schon im Visier!
beste Grüße
cba